Nucleare Fotoexpedition – Auf den Spuren der Radioaktivität (Artikel aus 2017)
Fototouren zu exotischen Zielen werden zunehmend beliebter. Kein Wunder – Island, Kuba und die Nationalparks der Welt sind immer eine Fotoreise wert, da der persönliche Eindruck und das reale Erleben doch prägendere Emotionen als die besten Bilder erzeugen. Und die eigenen Bilder, auch wenn sie in der Bilderflut von den angesagten Destinationen schon ähnliche Vorgänger hatten, erwecken die Erinnerungen an diese Orte viel intensiver.
Aber noch gibt es Gegenden auf unserem Planeten, die relativ gefahrlos zu bereisen sind und dazu eine Vielzahl von interessanten Motiven bieten, die man nicht schon häufig in ähnlichen Bildern gesehen hat. Eine solches Ziel ist die Ukraine. Dieses Land assoziieren viele sofort mit Bürgerkrieg und dem Maidanaufstand. So schrecklich der Bürgerkrieg ist und seine Schatten auch im ganzen Land bemerkbar sind, er ist auf abgegrenzte Bereiche isoliert und bei Meidung dieser Gebiete besteht für den Reisenden dadurch keine Gefahr. Die endlosen Weiten der Ukraine bieten nun keine spektakulären Landschaften, aber viele Zeugnisse aus der wechselvollen Geschichte der Kernenergie.

Unser Autor Georg Schuh, der schon letztes Jahr über den havarierten Reaktor von Tschernobyl und die Sperrzone berichtete, war über Ostern nun wieder auf den Suche nach nuklearen Fußabdrücken. Vor der Reise stellt sich für den Fotoenthusiasten natürlich die Frage, was muss in den Fotorucksack? Da man auf der atomaren Spurensuche häufig in Gebäuden und tief unter der Erde verweilt, ist einmal Lichtstärke bei den Objektiven gefragt und zum anderen, um in der Enge der Räume möglichst viel zu erfassen zusätzlich zum Standardzoom ein möglichst kurzbrennweitiges Weitwinkel.
In dem zum Teil sehr dunklen Hallen empfiehlt es sich ein leichtes, aber stabiles Stativ mitzunehmen sowie LED Lampen, um bei Langzeitbelichtungen diese Säle auszuleuchten. Akkus und Speicherkarten in ausreichender Menge einpacken, denn außer in Kiew ist es in der Ukraine schwierig Fotozubehör zu kaufen.
Ausgangspunkt für den nuclearen Fototrip war Kiew, eine Stadt, die schon allein eine Reise wert ist. Voller interessanter Bauwerke, Museen, Plätze, nicht nur den Maidan, und Parks, die mit Skulpturen und anderen Kunstwerken zum Bummeln und Verweilen einladen.

Auf einigen Plätzen fanden sich riesige Eier. Mutationen durch die Radioaktivität? Nein – in einer landesweiten Kunstaktion erstellten ukrainische Künstler fantastische überdimensionierte Eier, die ganze Plätze in ein Freilichtkunstmuseum verwandelten.

Durch die krassen Unterschiede zwischen arm und reich ist die Stadt ein Eldorada für Streetfotografen.

Das Mütterchen vom Lande, das Zwiebeln und Kartoffeln anbietet, Hipster, die die Szeneviertel bevölkern und auch Mönche aus der nach dem Zusammenbruch des Kommunismus omnipräsenten orthodoxen Kirche lassen den Auslöser nicht ruhen.

Aber auch Architekturfotografen bedient die Stadt. Eine große Vielfalt und Vielzahl von modernen und auch klassischen Kunstwerken im öffentlichen Raum in Kombination mit historischen und modernen Bauwerken bietet spannende Kontraste.

Dann ging es wieder Richtung Tschernobyl. Durch die frühe Jahreszeit waren die Bäume und Büsche noch nicht belaubt und ließen dadurch ganz andere und tiefere Einblicke in die verlassenen Ortschaften der Sperrzone zu, als im Sommer, wo alles hinter dem dichten Grün versteckt ist. Interessant war auch ein Besuch eines alten, aber vitalen Ehepaares, das wie einige andere auch nach der Katastrophe in der Speerzone blieb, und sich seit dem von ihren eigenen landwirtschaftlichen Produkten ernährten.

Inzwischen sind der 82 jährige Mann und seine 78 jährige Frau die einzigen Bewohner in ihrem Dorf, denn der Zuzug in die Sperrzone ist weiterhin verboten. Deswegen freuen sich die Beiden über jeden Besuch und bewirten ihre Gäste gern mit Speck und hausgebranntem Schnaps.

Die größte Veränderung hat der havarierte Reaktor erfahren. Keinen Vergleich mehr zu früher bietet nun der gigantische, im Sonnenlicht glänzende Edelstahldom, der den Betonsakrophag hermetisch umschließt. Wie eine Kathedrale des Fortschritts und der Unbesiegbarkeit des menschlichen Erfindungsgeistes überragt er schon von weitem sichtbar die grünen Wälder der Sperrzone. Im Gegensatz zu der nun darunter versteckten, von Korrosion gezeichneten alte Hülle, die schon beim Betrachten einen leichten Schauder hervorrief.

Durch die Nordkoreakrise wieder in den Focus gerückt, ist die Gefahr eines nuklearen Krieges. In den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts war diese Gefahr ein Faktor, der das politische und gesellschaftliche Leben maßgeblich mitbestimmte. Nur so kann man verstehen, warum die damalige Sowjetunion riesige Radarstationen mit ganzen Städten für das Bedienungspersonal errichtete, um rechtzeitig über einen amerikanischen Erstschlag informiert zu werden. Die gigantischen Reste einer dieser Anlagen DUGA II und die dazugehörigen Geisterstadt nördlich von Kiew kann ebenso wie die Sperrzone mit speziell ausgebildeten ukrainischen Führern besichtigt werden.

Die verlassene Stadt und ihre großen Gebäudekomplexe zur Auswertung und Berechnung der Daten und zur Energieversorgung bieten unzählige Motive. Am beeindruckendsten ist aber die über einen Kilometer lange und weit über 100m hohe Antennenanlage.

Nach der Katastrophe von Tschernobyl sollte man meinen, dass die Ukraine auch einen Ausstieg aus der Kernenergieerzeugung plane. Doch das Gegenteil ist der Fall, sie planen sogar einen weiteren Ausbau um durch Stromexport sich Devisen zu verschaffen. Dabei setzen sie auf innovative Konzepte und modernste Kraftwerkstechnologie, wie eine Kraftwerksingenieurin stolz unserem Autor erläuterte, dem auch nicht alltägliche Einblicke in das Kernkraftwerk erlaubt wurden.


Mit Hilfe des überschüssigen Kernenergiestroms wird nachts Wasser in einen großen Stausee gepumpt, um dann tagsüber die Stromspitzen mit CO2 neutraler Wasserkraft abzupuffern.

Im Gegensatz zu unseren Medien wird die Kernkraft in der Ukraine überzeugend als klimaschonende und umweltfreundliche Stromerzeugungsmethode angepriesen. Was auch eine Ausstellung mit Kinderzeichnungen in der Stadthalle von Yuzhnoukrainski demonstrierte.

Das Kernkraftwerk liegt in der Südukraine, die neben der Kraftwerkstechnolgie auch sehenswerte, ursprüngliche Flußlansdschaften beheimatet.

Satan – das war der Codename der Nato für eine Vergeltungswaffe der Sowjetunion, die selbst bei einem atomaren Erstschlag und der Zerstörung der in tiefen Silos verbunkerten Kommandozentralen durch eine spezielle atombombensichere Satellitenantenne, genannt die Hand Gottes, gestartet werden konnte.

Eine Satan hatte etliche atomare Sprengköpfe, die jeweils ein vielfaches der Hiroshimabombe an Sprengkraft hatten und war in der Lage ein Land in der Größe Deutschlands in ein verstrahlte Wüste zur verwandeln. Eine solche Atomraketenbasis war das vierte nucleare Highlight der Reise.

Diese Raketenbasen waren als reine Vergeltungswaffen ausgelegt, die zusammen mit der DUGA Radarstation zeigten, welche Angst die Sowjetunion vor einem amerikanischen Erstschlag hatte. Die Atomsprengköpfe hat die Rote Armee nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit nach Russland genommen.

Die Raketen, die Transportfahrzeuge und die noch funktionsfähige unterirdische Kommandozentrale sind noch vorhanden. Diese bemannten Zentralen befinden sich beweglich aufgehängt in Betonröhren tief unter der Erde und wie eine bemannte Rakete mit allem ausgestattet um autark mindestens 45 Tage selbst bei einer unmittelbar benachbarten Atomexplosion zu funktionieren.

Durch lange Tunnel kommt man zum eigentlichen Kommandosilo

und dann geht es, nach Ablegen des Fotorucksacks in einem engen Aufzug (selbst für nur leicht Klaustrophobe nicht zu empfehlen) tief hinab in die Kommandozentrale in der noch alle Lämpchen blinken.

Um die Atomrakete zu starten mussten nach umfangreichen Vorarbeiten, zwei weit voneinander entfernte Schlüsselschalter zeitgleich betätigt werden, so dass ein Offizier alleine nicht in der Lage war eine Rakete zu zünden.
Um die Enge gut im Bild erfassen zu können ist ein möglichst lichtstarkes Weitwinkelzoom mit in Tiefe zu nehmen. Im Wohnbereich für die beiden Offiziere war alles notwendige vorhanden, selbst der Wodka, der durfte allerdings erst nach dem Vergeltungsschlag getrunken werden.

Zum Schluß noch ein paar Tipps für Ukrainereisende. Die Anreise aus Deutschland erfolgt am besten von etlichen Flughäfen via Direktflug nach Kiew. Taxis sind relativ günstig. Vom Flughafen aus fährt ein Skybus zum Hauptbahnhof, an dem auch eine U-Bahn Station ist. Durch die vier U-Bahnlinien ist die Stadt gut erschlossen und mit einem U-Bahnplan in der Tasche findet man in der Regel zurück zum Hotel. Kiew hat den weltweit am tiefsten unter der Erde gelegenen U-Bahnhof, der im Falle eines Atomkriegs als Bunker für die Einwohner fungiert hätte.

Die schier endlose Fahrt über Rolltreppen in die Tiefe ist ein Erlebnis der besonderen Art. Für die Sperrzone selbst und auch für DUGA muss ein ukrainischer Führer gebucht werden. Für die Ukraine ist kein Visum nötig, es reicht ein mindestens noch 6 Monate gültiger Reisepass. Autobahnen erfordern Konzentration, da sie in der Nähe von Ortschaften nicht kreuzungsfrei sind und häufig auch Fußgänger die Straßen überqueren. Auch sind Schlaglöcher und Unebenheiten der Fahrbahnen keine Seltenheit, so dass für Reisen durch die Ukraine es eher empfehlenswert ist, sich kleinen Reisegruppen mit ukrainischem Führer und Fahrer anzuschließen. Vor allem wenn man weder ukrainisch noch russich spricht. Ich empfehle die Tschernobylführungen über die Reiseagentur Urbexplorer zu buchen.